Radikal neu gedacht

Mit einer Ausstellungsreihe reagiert das GRASSI Museum Leipzig auf die europäische Krise der Völkerkundemuseen und möchte Raum bieten für kritische Auseinandersetzungen.

Im Anklang an einen stark spürbaren Wandel in der europäischen Museumslandschaft, lädt das GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig zur Ausstellungsreihe GRASSI invites. Die Krise der Völkerkundemuseen, die größtenteils in kolonialen Kontexten im 19. Jahrhundert gegründet wurden, wird hier aufgegriffen und mit einer drastischen Neukonzeption unter der neuen Museumsdirektorin Nanette Snoep angegangen. Postkoloniale Diskurse, interdisziplinäre Kooperationen und künstlerische Interventionen erfüllen den Anspruch an ein postmodern gedachtes Museum, das sich zeitgemäß mit transkulturellen Perspektiven auseinandersetzt. Die erste Ausstellung der Reihe, GRASSI invites #1: fremd, beschäftigte sich mit bislang dominierenden Sehgewohnheiten in und außerhalb der Völkerkundemuseen. In Kooperation mit Künstler*innen der Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig dekonstruiert die Ausstellung tradierte dualistische Betrachtungsweisen, die in begrenzenden Kategorien wie „eigen“ und „fremd“ funktionieren. In der Auseinandersetzung mit den Installationen stellt sich implizit die Frage, ob das Bedürfnis nach Trennung standhält, wenn die Identifikation der Besucher*innen möglich und eine empathische Auseinandersetzung mit „dem Anderen“ erlaubt sind. Die Grenzen zwischen „eigen“ und „fremd“, „Objekt“ und „Subjekt“ verschwimmen.

Nanette Snoep kuratierte die Ausstellungsreihe GRASSI invites. Seit Februar 2015 ist sie Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen und leitet die drei Ethnographischen Museen in Leipzig, Dresden und Herrnhut.

An die Dekonstruktion von Grenzen knüpft die aktuelle Ausstellung, Grassi invites #2: dazwischen/in/between, an und widmet sich den Themen Flucht, Migration und Exil. Die Kooperation mit Künstler*innen, u.a. aus dem subsaharischen Afrika, dem Maghreb, dem nahen Osten und aus Iran und Afghanistan ermöglichen auf bemerkenswerte Weise eine kreative Neugestaltung des Völkerkundemuseums, basierend auf aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskursen. Die Idee eines „in-between“ genannten Zwischenstadiums von Homi Bhaba, das die Fragilität und Verflüssigung von konservativen Konzepten begrenzter nationaler und ethnischer Zugehörigkeiten markiert, ist hier maßgebend. Videoinstallationen, Photographien, Soundinstallationen und andere zeitgenössische Kunstformen erlauben einen subjektiven, poetischen Blick auf die Lebensrealitäten von Menschen, die Erfahrungen mit Flucht, Migration und Exil sammelten. Es entsteht dabei eine besondere Sensibilität für einen Zustand des Dazwischen Seins: Zwischenräume werden zwischen hier und dort oszillierend erkundet, Heimat und Fremde, Unterwegssein und Ankommen ineinander fließend thematisiert. In dieser Ausstellung findet sich ein geschützter Ort, an dem sich über die, an Flucht und Migration gebundenen Zwischenräume meditieren lässt, wo all das Grauen der Gegenwart und Vergangenheit Raum findet, aber auch poetisch verarbeitet werden darf. Mit allen Sinnen erfahren die Besucher*innen in interaktiven Installationen, beispielsweise wie es sich anfühlt mit dem Boot flüchtend das Meer zu überqueren, wie Heimat unterschiedlich riecht und wie Identitäten stetig neu verhandelt werden.

Es zeigt sich, dass unsere Welt, die im ethnologischen Museum so lange in begrenzten Territorien gedacht und auf kulturelle Eigenheiten reduziert wurde, mit zunehmender Globalisierung viel komplexer gedacht werden sollte. Dabei bindet die Ausstellung die Besucher*innen stets ein, stellt sie immer wieder die Frage auch nach eigenen Unsicherheiten und in-between-Stadien, denn wir alle werden im 21. Jahrhundert zu Nomad*innen in einer sich ständig wandelnden Welt, deren Unstetigkeit nicht nur Krisen, sondern auch Chancen bietet. Bis dahin befinden wir uns in einem anhaltenden Prozess der permanenten Aushandlung eigener und kollektiver Identitäten. Wir fahren wie Boote im Zwischenraum, der in keinem festen Grund mehr verankert ist – wir entdecken uns und die Welt weiter und schaffen in einer nicht nur temporären Situationen des Dazwischen Seins ein neues transkulturelles Wissen.

Bild oben: Installation „Zuhause“ von Manaf Halbouni, der im Rahmen einer Künstler*innen-Residenz 4 Wochen in Leipzig verbringt.

Bildquelle: GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig/Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Sarah Fritzsche studierte in Leipzig, Cádiz, Lima und Recife Literatur- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Postmoderne Literatur und Postcolonial Studies. Sie ist als freie Journalistin und im Rahmen eines Volontariats im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Museum tätig. Alle Texte von Sarah Fritzsche auf zukunft-museum.de

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