Museen in der Krise? – Das Programm neu denken

Lebenswelten und gesellschaftliche Prozesse befinden sich ständig im Wandel. Identitäten und Gesellschaften verändern sich und werden vielseitiger, dynamischer. Dies sollte sich auch in öffentlichen Kultureinrichtungen spiegeln, besonders, wenn wir sie als aktualitätsbezogenen, politisch und gesamtgesellschaftlich relevanten Ort verstehen, als Raum der authentischen Erfahrung, der Begegnung und des Dialogs. Wenn es an Publikum und Interesse aus der Bevölkerung fehlt, dann sollte nicht nur das Publikum selbst unter die Lupe genommen werden. Auch das Programm der Institutionen muss angeschaut, überdacht und neu ausgerichtet werden: angepasst an das digitale Zeitalter und eine dynamische und heterogene Gesellschaft. Teil 3 unserer Serie: das Programm neu denken

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m neue, diverse Bevölkerungsgruppen in Museen und Kulturinstitute einzuladen, braucht es nicht nur gute Marketingstrategien. Vor allem der Inhalt der Angebote muss stimmen. Kulturprogramme in Museen sollten sozial integrativ und beteiligungsorientiert gedacht sein.
In erster Linie ist es wichtig, eine Schnittstelle zu finden, wo sich Kunst und individuelle Lebenswelt begegnen. Für Menschen braucht es einen emotionalen Zugang und einen Wunsch, sich auf die Erzählungen einzulassen, die das Kunstwerk im Museum vermittelt. Je nachdem, welche soziale Prägung eine Peron erfahren hat und welche Kulturkompetenz sie mitbringt, ist es mehr oder weniger wichtig, neue Konzepte der Kulturvermittlung zu entwickeln.

Die traditionellen Medien und Lernmethoden gelten als überholt. Es lohnt sich, zu fragen, warum wir nicht von aktuellen (medien-)pädagogischen Konzepten lernen und profitieren sollten. Wenn Lerninhalte der eigenen Lebenswelt fern und außerdem uninteressant aufbereitet sind, hilft es, Themen neu zu denken und auch Ausstellungen anders zu gestalten. Inhalte sollten unmittelbar erfassbar sein und in einer Form vermittelt werden, die Spaß macht, anregend und aus dem eigenen Erfahrungshorizont bekannt ist. Themen sollten nicht nur für kleine, als repräsentativ geltende Teile der Gesamtgesellschaft wichtig sein, sondern für möglichst jeden einzelnen Menschen relevant und lebensnah erscheinen.

Der individuelle Zugang zum Thema löst Emotionen aus, die das Gelernte auch erinnern lassen. In interaktiven Ausstellungen, die sich als ästhetischer Erlebnisraum präsentieren, kann das Gesehene verzaubern und bleibt im Gedächtnis. Was uns angenehm berührt, verinnerlichen wir gern. Manchmal hilft es, sich in der Auswahl des Gezeigten zu beschränken, die Ausstellung klein zu halten, das Sichtbare zu verdichten und einen Raum der Poesie zu schaffen, der die Besucher*innen bewegt, anstatt zu überfordern.
Ein Erlebnis ist etwas, das uns einmalig erscheint, das wir nicht beliebig wieder und wieder erleben können. Sonderausstellungen sind deswegen besonders beliebt. Manche Museen sind erfolgreich damit, vollkommen auf Dauerausstellungen zu verzichten. Ein interessantes und vielseitiges Begleitprogramm mit einladenden Sonderveranstaltungen darf nicht fehlen.

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden ist mit Sonderausstellung zu lebensnahen Themen wie Schönheit, Freundschaft oder Sprache erfolgreich. Jeder Mensch kann sich darunter etwas vorstellen und dennoch geben die Themen genügend Raum, sie nach eigenem Ermessen tiefer zu erforschen.

Austellungsansicht vorarlberg museum „Der Fall Riccabona“ Foto: Marc Mosman

Das vorarlberg museum in Bregenz präsentiert mit der Sonderausstellung „Der Fall Riccabona“ ein dunkles Kapitel der Region am Fallbeispiel einer Familiengeschichte. Verfolgung und Verdrängung jüdischer Bürger*innen in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus werden hier paradigmatisch sichtbar und anhand von Fotos, Kunstwerken und Hausrat aus dem Nachlass der Familie Riccabona greifbar. Diese konkrete Familie ist nicht eine von vielen gezeigten, sie ist eine besondere Familie, mit der sich die Austellungsbesucher*innen am Ende des Rundgangs unweigerlich identifizieren werden.

Kultureinrichtungen können als utopischer Ort gesehen werden, der eine Gesellschaft imaginiert, wie sie nicht mehr sein sollte, wie sie sein könnte, aber noch nicht ist. Sie sind Orte des Dialogs. Die aktive Einbindung des Publikums ist essenziell. Das kann auf vielfältige Art geschehen: in Workshops, Museumsgesprächen, Vorträgen mit offener Diskussionsrunde oder in Netzwerktreffen, in denen Vereine, Organisationen, Bürger*innen, Kulturschaffende und Studierende ins Gespräch kommen.

Das GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig bietet nicht nur ein monatliches Netzwerktreffen, es stellt auch ein Sofa bereit. Im Projekt „Museum on the Couch“ können Studierende in experimentellen Workshop-Seminaren praktisch und kreativ forschen und so einen besonderen Zugang zu einzelnen Sammlungsobjekten gewinnen. Das Museum legt besonderen Wert darauf legt, seine Türen für alle zu öffnen, Migrant*innen Raum zu geben und ihre Stimme hören zu lassen. Im Projekt „Showtime! Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut“ können die Gäste ihre Tattoos im museumseigenen Fotostudio ablichten und ins „Living Archive“ eingehen lassen.

Tours for Fours im MoMa. Foto: Martin Seck / MoMa

Auch unterschiedliche Generationen begegnen sich im Museum. Das MoMA New York bietet „Tours for fours – People and Portraits“ an, eine gemeinsame Tour für Vierjährige mit ihrer erwachsenen Begleitung. Nicht der Wissensstand der Erwachsenen ist hier das Maß der Dinge. Wissen beginnt da, wo das Vermittelte verständlich ist.

Partizipation erfolgt auch über Projekte, die die Besucher*innen anregen, über eigene Erfahrungen zu sprechen. Das Kulturhistorische Museum Görlitz lud 2016 Bürger*innen der Stadt ein, Erinnerungsstücke aus der DDR als Leihgaben für die Sonderausstellung „Erfahrung DDR!“ ins Museum zu bringen. Es wurden Objekte ausgewählt, die private Geschichten erzählen. Damit wurde ein Mosaik aus vielseitigen Erinnerungen an diese Zeit präsentiert, das von den Bewohner*innen der Stadt selbst gestaltet und erzählt wurde. Die unterschiedlichen Perspektiven sollen zur gemeinsamen Reflexion und Debatte anregen.

Wichtig ist, zu bedenken, dass ein modernes Programm auf die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen ausgerichtet sein muss. Workshops im Museum selbst funktionieren beispielsweise gut mit Schüler*innen und Studierenden. Andere Zielgruppen sind schwerer zu erreichen. Museumsmitarbeiter*innen können durch gezielte Outreach-Projekte aber auch Menschen erreichen, die dem Museum in der Regel aus verschiedenen Gründen fern sind. In die Communities zu gehen, Menschen freundlich anzusprechen und Themen zu wählen, die für sie relevant sind, ist hier ein erster Schritt.

Die Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen kann auf solche Weise funktionieren. Mit Projekten, die vor Ort in Seniorenresidenzen stattfinden, können auch diese Personen ans Museum herangeführt oder zurückgeführt werden, ohne, dass sie einen hindernisreichen Weg auf sich nehmen müssen oder von einer Begleitperson abhängig sind. Älteren Menschen können Objekte gezeigt werden, die sie an wichtige Stationen ihrer eigenen Vergangenheit erinnern. Später könnten sie eingeladen werden, Objekte aus ihrem Eigentum auszuwählen, mit in die Gruppe zu bringen und gemeinsam über Erlebtes und Erinnertes zu sprechen. Das Städel Museum in Frankfurt am Main untersucht, ob Kunst eine lindernde Wirkung auf Menschen mit Demenz ausübt und bietet spezielle Führungen an.

Wenn die Mehrheit der Gesellschaft offensichtlich zu einem erlebnis-, erfahrungs- und unterhaltungsorientierten (Kultur-)Konsumverhalten tendiert, sollte das von Museumsmacher*innen gesehen, akzeptiert und als Chance begriffen werden. Ein Museum im 21. Jahrhundert ist nicht nur Ort der Utopie und des Dialogs, es ist auch Ort der Performance, ein beweglicher Ort, der andere und sich selbst bewegen kann und soll. Im Museum heute könnte getanzt, gelacht und gesungen werden. Die Frage ist, ob sich die Leitung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auch die Besuchenden selbst auf eine solche Gratwanderung zwischen Sinneserfahrung und Lernprozess einlassen.

Sarah Fritzsche studierte in Leipzig, Cádiz, Lima und Recife Literatur- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Postmoderne Literatur und Postcolonial Studies. Sie ist als freie Journalistin und im Rahmen eines Volontariats im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Museum tätig. Alle Texte von Sarah Fritzsche auf zukunft-museum.de

 

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