Museen in der Krise? – Das Nicht-Publikum gewinnen

Die Frage wie sich das Publikum in öffentlichen Kultureinrichtungen langfristig anbinden lässt und neue Zielgruppen gewonnen werden können, wurde in den letzten Jahren intensiv diskutiert. Laut Statistik steigen die Zahlen der Museumsbesuchenden an. Durch die Eröffnung vieler neuer Einrichtungen und dem Wunsch, im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels neue diverse Zielgruppen zu erreichen, halten die Debatten über Publikumswirksamkeit an. Teil 2 unserer Themenserie

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esucherforscher wie Thomas Renz stellen fest, dass es komplexe Gründe gibt, warum ein Großteil der Bevölkerung nicht regelmäßig oder gar nicht am kulturellen Leben teilnimmt. Mangelnde Motivation entsteht nicht nur durch hohe Eintrittspreise oder lange Wege. Die Tendenz des Nicht-Besuchens der Einrichtungen liegt vorrangig in der nicht besuchenden Person und den gesellschaftlichen Strukturen selbst begründet.

Birgit Mandel forscht in den Bereichen Audience Development, Kulturnutzung, -vermittlung, -PR, -management und -politik. Sie stellt fest, dass nur etwa 10% der Bevölkerung in Deutschland regelmäßig am hochkulturellen Leben teilnimmt. Laut Statistik bevorzugt rund die Hälfte der Menschen unterhaltungsorientierte Angebote und 40% zeigen überhaupt kein Interesse an Kulturangeboten. Die etwa 10% der Abonnenten, die es einmal in Theatern, Museen und Konzerthäusern gegeben hat, schwinden zunehmend.

Menschen, die in Deutschland regelmäßig öffentliche Kultureinrichtungen besuchen, haben laut Beobachtung verschiedener Kulturschaffender und Institutsleitenden in der Regel einen akademischen Hintergrund, sind extrem kulturaffin und kulturkompetent, deutscher Herkunft, unter 40 Jahre alt und weiblich. Ebenfalls überdurchschnittlich kulturinteressiert sind jüngere Menschen mit Migrationshintergrund, allerdings nutzen diese bevorzugt Kulturangebote der freien Szene. Die Kulturlandschaft insgesamt wächst, das Publikum verteilt sich, die Konkurrenz ist groß. Die Gesellschaft an sich funktioniert dynamischer, Besuche gestalten sich spontaner und flexibler.

Bei allen Bemühungen der Besucherforschung geht es jedoch nicht nur darum, vorhandene Nutzende nicht zu verlieren, sondern neue und diverse Bevölkerungsschichten anzusprechen und zu begeistern. Möchten sich staatliche Kultureinrichtungen im Sinne der Öffentlichkeit präsentieren, ist es nötig, diese Öffentlichkeit immer wieder zu betrachten, Angebot und Nachfrage abzuwägen. Wenn nur etwa 10% der Bevölkerung regelmäßig an staatlich geförderten Kulturangeboten teilnimmt, dann gibt es Potential nach oben. Barrieren, die gegen einen Museums- oder Theaterbesuch sprechen, können abgebaut werden. Inklusion und transkulturelle Öffnung sind gegenwärtig wichtige Prozesse. Sie spiegeln einen Anspruch, Kultur für alle zugänglich zu machen. Laut Umfragen werden hochkulturelle Angebote von allen Bevölkerungsteilen als etwas Wertvolles und gesellschaftlich Relevantes beurteilt, doch nur wenige haben das Gefühl, sich selbst damit identifizieren zu können. Es lässt sich wohl darüber streiten, ob sich Besuchende in einer Kultureinrichtung wohl und unterhalten fühlen müssen. Etwas Neues zu lernen, kostet Energie und erfordert eine gewisse Anstrengung. Trotzdem können Freude und sinnliches Erleben diesen Lernprozess unterstützen und ihn als Bereicherung empfinden lassen.

Um der Motivationslosigkeit des Nicht-Publikums entgegen zu wirken, gab es in den vergangenen Jahren unterschiedliche Strategien. Besonders beliebt und Erfolg versprechend schien zunächst das „Audience Development“. Wo keine Besucherinnen und Besucher waren, versuchten die Einrichtungen mit gezieltem Kulturmarketing und -PR neue Besuchsgruppen anzuwerben. Im Mittelpunkt solcher Projekte stehen in der Regel junge Menschen, Schichten, die nicht der akademischen Elite angehören, Menschen, die einen anderen oder mehrere kulturelle Bezüge haben sowie Personen, die bei fehlender Barrierefreiheit beeinträchtigt oder behindert werden. Mit der Zeit und der Erfahrung stellte sich heraus, dass es nicht reicht, gleichbleibende Inhalte neu zu vermarkten.

Was es braucht, ist eine ehrliche und individuelle Begegnung zwischen den Akteur*innen, zwischen denen, die ein neues Publikum suchen und denen, die es potenziell sind. Es wird beklagt, dass es dem Personal der Kulturbetriebe oft an ausreichender Vermittlungsompetenz mangelt, im Bezug auf Menschen, die zunächst wenig kulturaffin erscheinen. Es braucht vielseitige Methoden, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen und zu begeistern. Um Menschen zur Teilnahme zu motivieren, kann ein Thema helfen, das einen Bezug zur eigenen Lebensrealität enthält. Erfolgreiche Formate entstehen, wenn sie mit neuen Inhalten gefüllt werden.

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen, die gesellschaftlich lange Zeit ausgeschlossen wurden, nun eingeschlossen werden sollen, unterstützen Sensibilität, Geduld und eine offene Haltung – vor allem Respekt und ein Austausch auf Augenhöhe. Diverse kulturelle und soziale Hintergründe sollten auf Interesse und Achtung treffen. „Integration“ wurde zu lange als passendes Modell betrachtet, bei dem ein fundamentaler Aspekt vergessen wurde: Integration bedeutet eine Einbahnstraße, bei der es um die Anpassung sogenannter Minderheiten an eine scheinbar gleichförmige Gesellschaft geht. Integration funktioniert in dem Denken des „Wir“ und der „Anderen“. Diese Idee verliert zunehmend an Attraktivität und Autorität. Vielmehr rückt eine transkulturelle Methode des gegenseitigen Austauschs in den Fokus. Niemand sollte als mehr oder weniger wertvolles Mitglied einer Gesellschaft betrachtet werden. Menschen sammeln unterschiedliche Erfahrungen und bringen verschiedene Talente und Fähigkeiten mit.

In Zeiten des „Post-Audience-Development“ gewinnen Strategien wie „Community Building“ und „Outreach“ an Bedeutung. Es geht nicht darum, ein Publikum zu überreden, sich für etwas interessieren zu müssen. Vielmehr geht es darum, gemeinsam zu erforschen, wo wir uns als Gesellschaft mit dem Gegebenen gemeinsam hin entwickeln wollen, was uns mit Blick auf die soziale und politische Situation bewegt, wo es Schnittpunkte gibt und wie wir gemeinsam kommunizieren möchten. Wir können schauen, wie wir neue Rahmenbedingungen für vielfältigere Zielgruppen schaffen. Das Schöne ist, dass wir alle daran wachsen, unsere Horizonte und Erfahrungen erweitern und Kunst und Kultur zum Aufbau einer stabil-dynamischen Gesellschaft befragen können.

Sarah Fritzsche studierte in Leipzig, Cádiz, Lima und Recife Literatur- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Postmoderne Literatur und Postcolonial Studies. Sie ist als freie Journalistin und im Rahmen eines Volontariats im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Museum tätig. Alle Texte von Sarah Fritzsche auf zukunft-museum.de

 

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Einfach keinen Bock? | museumsvolos

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