Entstaubt: Neue Perspektiven auf archäologische Funde

Codes der Macht - Plakatmotiv

Auf dem Weg zum neuen Museum experimentiert das Römisch-Germanische Zentralmuseum mit der neuen Formen der Wissenschaftsvermittlung und eröffnet andere Perspektiven auf altbekannte archäologische Funde.

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elchen Beitrag kann die Archäologie mit ihrer weit zurückreichenden Perspektive zur Debatte um unsere heutigen Probleme leisten? Das ist die Grundfrage, die seit Neuestem zum Leitfaden der Forschungen und Wissenschaftsvermittlung des Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM) geworden ist. Aber nicht nur die inhaltliche Konzeption des Hauses ist neu; auch wird das Museum bald eine neue Heimat im geplanten Archäologisches Zentrum Mainz beziehen. Die gesamte Dauerausstellung erfährt dabei eine grundlegende Neugestaltung. Einen Vorgeschmack auf das Kommende bietet – noch am alten Standort, dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz – eine sogenannte „Intervention“, die seit November 2015 zu sehen ist: „Codes der Macht – Mit 16 auf den Thron“.

Ausgangspunkt ist das Grab des Frankenkönigs Childerich, das bereits im 17. Jahrhundert im Belgischen Tournai entdeckt worden war. Das Römisch-Germanische Zentralmuseum besitzt seit Langem Kopien der wertvollen Grabbeigaben, die man dem König mit in seine hölzerne Kammer unter einem Erdhügel gelegt hatte. Bisher beschränkte sich der wissenschaftliche Blick auf den König selber. In der Intervention wird nun die Perspektive gewechselt und das Grab unter dem Gesichtspunkt der Inszenierung des Machtanspruchs seines Sohnes Chlodwig gezeigt.

Chlodwig ist keine schattenhafte, historische Gestalt, sondern bekam ein Gesicht.

Begleitet wird die Intervention von einer Medienkampagne, die mit der das RGZM völlig neue Wege der Vermittlung beschreitet. Chlodwig ist keine schattenhafte, historische Gestalt, sondern bekam ein Gesicht. In seine Rolle schlüpfte ein Schauspielstudent, der in der medialen Vermittlung die Hauptrolle spielt. Chlodwig tritt auch werbewirksam in der Öffentlichkeit auf. Bewusst trägt er keine historische Kleidung, sondern einen modernen Anzug, um auf den Gegenwartsbezug des Themas hinzuweisen. Seine Geschichte wird auf einer eigenen Webseite erzählt und der junge König kommuniziert über Social-Media-Profile. Ein YouTube-Kanal vermittelt in Videos das Thema der Intervention.

Wir befinden uns in Nordostgallien im Jahre 482 nach Chr. König Childerich ist verstorben. Er hinterlässt ein Land im Umbruch: Rom hatte den Machtanspruch auf das Gebiet längst aufgegeben, eine alteingesessene Führungsriege römischer Abstammung behauptet sich in kirchlichen Ämtern. Daneben bringt sich eine neue Elite ins Spiel, die ihre Machtansprüche in Kriegen gegen Invasoren und in Kämpfen untereinander zu etablieren sucht. Chlodwig, der erst 16-jährige Sohn, muss sich nun gegen andere Thronprätendenten durchsetzen. Wie vermittelt der jungen Mann gegenüber den unterschiedlichen Interessengruppen, dass er der einzige wahre Erbe von Childerichs Thron ist? Seine Bühne dafür ist die Bestattungsfeier. Die Ausstellung entschlüsselt nun die „Codes der Macht“, die er dabei ausgesendet hat. Am Schluss wird der Besucher in die Gegenwart zurückgeführt und sein Blick auf die Codes der Macht von heute gelenkt.

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#codesdermacht

Foto: S. Steidl/RGZM

Dr. phil. Jutta Zerres studierte Provinzialrömischen Archäologie, Vor- und Frühgeschichte, Klassischen Archäologie, Alten Geschichte und Ägyptologie an den Universitäten Bonn und Köln. Mit ArchæoZeit bietet sie professionelle Dienstleistungen rund um die archäologische Forschung und Kulturvermittlung an.

Kommentare (2)

  1. Liebe Jutta,
    ich bin ein großer Fan des neuen RGZM-Leitfadens und des Konzepts hinter Codes der Macht. Ja, man könnte das Konzept selbst in der „Intervention“ noch etwas mehr erklären (als Besucher ist das etwas schwierig, wenn man die Facebook-Seite nicht kennt) und die Kommunikation ist noch recht voraussetzungsvoll, wenn man nur wenig Chlodwig und seinen Kontext weiß. Aber macht weiter so, der Weg ist absolut vorbildhaft!
    Viele Grüße,
    Kristin

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