Digital ist besser

Mit seiner digitalen Erweiterung beschreitet das Frankfurter Städel Museum immer wieder neue Wege. Ein Gespräch über den neuen Onlinekurs Kunstgeschichte, Social-Media Potenziale für kleinere Museen und die Überwindung der physischen Museumsgrenzen mit dem städelschen Kommunikationsleiter Axel Braun.

Mitte März hat das Städel Museum „Kunstgeschichte Online – der Städel Kurs zur Moderne“ gestartet. Was bietet dieser multimediale Onlinekurs?

Der Onlinekurs ist die perfekte Fortführung unseres Bildungsauftrages im digitalen Raum. Er ist entstanden aus dem Wunsch, dass viele unserer Besucher im Museum Grundlagen der Kunstgeschichte erlernen möchten. Meine Kollegen und ich haben Kunstgeschichte studiert und kannten das noch vom Studium: Die Kunstgeschichtsseminare, vor allem die Überblicksvorlesungen, werden gern von Gasthörern besucht. Es gibt also einen spürbaren Bedarf und das war für uns der Punkt zu sagen, diesem Bedarf würden wir gerne ein Angebot entgegenstellen, das völlig kostenfrei ist und jeder unabhängig von einem Städelbesuch wahrnehmen kann.

Uns ging es dabei nicht zwingend darum, ein Angebot zu erstellen, was den primären Nutzen hat, das Museum und die ganz spezifische Städelsche Sammlung vorzustellen. Vielmehr wollten wir eher exemplarisch anhand von Werken aus der Städelschen Sammlung vertiefende Informationen über die Entwicklung der modernen Kunst – von 1750 bis in die Gegenwart – vermitteln. Und der Kurs kommt bereits sehr gut an: Im ersten Monat haben rund 10.000 User den Kurs besucht und wir konnten schon 200 Absolventen zählen.

Der Kurs entstand in Kooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg. Wie muss ich mir die Zusammenarbeit vorstellen?

Mit der Leuphana Universität haben wir einen perfekten Sparringspartner gefunden. Man war dort gleich sehr begeistert von dem Projekt und wir haben von Beginn an den Onlinekurs zur modernen Kunst gemeinsam konzipiert und entwickelt. Die Leuphana Universität zeichnet zum einen aus, dass sie immer auf der Suche ist nach neuen Lernformaten. Im Bereich Onlinekurse hatte man dort auch schon einige Erfahrungen gesammelt. Und es gibt sogenannte Inkubatoren: Das sind assoziierte Mitarbeiter, die aus den verschiedensten Branchen kommen und Innovationen vorantreiben. In unserem Fall war es u.a. der Filmproduzent Jörg Schulze von maze pictures. Da wir innerhalb des Onlinekurses stark auf bewegte Bilder setzen, war er ein idealer Partner. Außerdem waren u.a. noch der Dramaturg Herbert Schwarze und Prof. Beate Söntgen mit dabei. Gemeinsam mit Kollegen aus dem Städel gab es regelmäßige und intensive Treffen. Es war ein langer Prozess, der sich über 2 Jahre gezogen hat, ähnlich wie bei einem klassischen Ausstellungsprojekt. Die eigentliche Produktion umfasste etwa das letzte halbe Jahr.

An wen richtet sich das Angebot?

Die Zielgruppe haben wir relativ breit skizziert, wir wollten sie nicht altersmäßig beschränken. Der Kurs richtet sich zum einen an Laien, die ein kunstgeschichtliches Grundwissen erwerben wollen, aber auch an Leute, die gewisse Vorkenntnisse bereits mitbringen. Jemand, der nicht zwingend ein kunstgeschichtliches Studium abgeschlossen hat, der aber ein privates Interesse an Kunst und Kunstbetrachtung hat. Wir wollten Zugänge schaffen, die eine sehr eigenständige und selbstständige Betrachtung von Kunst ermöglichen.

Sie haben bereits gesagt, es geht Ihnen nicht primär darum, Besuch in Ihr Museum zu locken. Wo liegt der Mehrwert für das Städel?

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Schauspieler Sebastian Blomberg führt durch den Onlinekurs.

Wir sehen den Kurs nicht als Marketingmaßnahme. Das ist übrigens bei all unseren Initiativen im Rahmen der digitalen Erweiterung so. Wir haben einen Bildungsauftrag als deutschlands ältestes Bürgermuseum, gegründet vor 200 Jahren von Johann Friedrich Städel im Geist der Aufklärung. Diesen Bildungsauftrag können wir heutzutage mit den Mitteln der Digitalisierung in einem viel größeren Maßstab erfüllen – nicht nur rein physisch innerhalb der Grenzen unseres Hauses, wo wir schon ein sehr differenziertes Vermittlungsprogramm bieten. Wir sehen also Möglichkeiten, über neue digitale Initiativen den Vermittlungsgrad noch weit über das Museum hinauszutreiben. Es ist eher zweitrangiges Ziel, dass wir damit mehr physische Besucher für das Städel Museum schaffen. Das vorrangige Ziel ist Zugänge und Begeisterung für Kunst und Kultur zu schaffen.

Die Digitale Erweiterung wurde von Ihnen schon angesprochen. Was zählt noch dazu?

Dahinter verbirgt sich ein ganzes Portfolio an verschiedensten Maßnahmen. Wir haben schon vor langer Zeit angefangen, mit unserer Kommunikation stark auf Online-Medien zu setzen. 2008/09 haben wir mit der Nutzung von Sozialen Netzwerken begonnen. Die Kernerweiterung unserer Digitalisierung startete letztes Jahr, als das Städel Museum sein 200. Jubiläum feierte. Der perfekte Anlass, um eben den Blick nicht nur zurück zu richten, sondern auch nach vorne. Daher haben wir eine Reihe an Initiativen online gestellt. Eine davon sind unsere mit einem Grimme Online Award ausgezeichneten Digitoarials. Das sind gewissermaßen Vorbereitungskurse für all unsere großen Ausstellungen. Auf diesen Micro-Sites können sich unsere Besucher schon vor dem Museumsbesuch über die zentralen Themen einer Ausstellung informieren, um sich dann innerhalb des Museums intensiver mit der Kunst zu beschäftigen und nicht nur die Wandtexte zu lesen.

Als Begleiter vor Ort haben wir im vergangenen Jahr außerdem eine App gelauncht. Die Städel-App bietet vor allem die Möglichkeit, über eine Bilderkennungssoftware die Meisterwerke des Städels zu erkennen und sich dazu verschiedene Audioguide-Spuren anzuhören. Außerdem können die aktuellen Audioguides auf das Smartphone geladen werden. Ein ganz besonderes Projekt, was wir auch letztes Jahr auf den Markt gebracht haben, ist das Computerspiel „Imagoras“, ein App-Game für die Zielgruppe zwischen 8 und 14 Jahren. Durch das Point and Click Adventure – welches wir gemeinsam mit den Frankfurter Spieleentwickler Deck13 realisiert haben – können Kinder und Jugendliche in die Geheimnisse der einzelnen Bilder der Städelsammlung eintauchen.

Und eine wichtige Plattform, sozusagen das Kerngerüst, ist unsere digitale Sammlung. Das ist eine digitale Exponateplattform, in der wir nach und nach große Teile unserer Sammlung einstellen und sie sehr intensiv und tiefgreifend verschlagworten. So machen wir nicht nur unsere Bestände zugänglich, sondern ermöglichen durch diese tiefe Verschlagwortung eine ganz eigene Art der Navigation durch unsere enzyklopädische Sammlung.

Mit einem Großteil dieser Aktivitäten überwinden Sie die physischen Grenzen des Museums. Plakativ gefragt: Machen Sie den Museumbesuch so nicht überflüssig?

Städel Kommunikationsleiter Axel Braun

Axel Braun – Kommunikationsleiter im Städel Museum Frankfurt

Das ist eine Frage, die immer wieder gestellt wurde und auch eine Sorge, die wir am Anfang öfters gehört haben. Ich glaube, ähnliche Sorgen konnte man damals beobachten, als die ersten Kunstbücher mit Abbildungen herausgekommen sind. Inzwischen hat sich diese Sorge bei allen in Luft aufgelöst. Das zeigen nicht nur die Besucherzahlen im Städel: Wir hatten letztes Jahr das erfolgreichste Jahr überhaupt in der Geschichte des Hauses. Wir sehen vielmehr, dass wir über unsere digitalen Initiativen völlig neue Zielgruppen erreichen und auch ein Publikum ansprechen, das wir über klassische Medien oder klassische Vermittlungsinitiativen nicht unbedingt erwischen würden. Wir beobachten auch, dass der Reiz und das ganz Besondere eines Museumsbesuches, die Aura des Originals, in keiner Weise darunter leidet, dass das Bild z.B. prominente in den sozialen Medien besprochen wird oder auch online erreichbar ist. Denken sie an die Mona Lisa, die ganze Welt kennt das Gemälde über zahlreiche Abbildungen, aber nach wie vor ist sie bei sehr vielen Paris-Besuchern immer noch eins der gefragtesten Ziele.

Welchen Stellenwert hat die Kommunikation in den sozialen Netzwerken?

Bei uns einen sehr Hohen. Das ist sicherlich auch eng verknüpft mit unserem Verständnis von Museumsarbeit. Wir versuchen immer sehr differenziert zu kommunizieren, eben auch auf verschiedenen Kanälen. Das fängt bei unseren Veröffentlichungen an, wo es teilweise mehrere Publikationen zu einer Ausstellung gibt: vom wissenschaftlichen Fachkatalog bis zum Schülerbegleitheft. Eben diese Vielstimmigkeit der Ansprache haben wir auch in unserer Onlinekommunikation weiterführen wollen. Über unsere Social Media Kommunikation können wir in einen Dialog mit unseren Besuchern und potenziellen Interessenten treten. Außerdem erreichen wir Menschen dort, wo sie sich aufhalten; vor allem die jüngere Zielgruppe. Deswegen hat die Onlinekommunikation einen hohen Stellenwert. Uns interessieren auch immer wieder neue Experimente und Bereiche. Wir haben vor Kurzem eine Periscope-Führung veranstaltet – eine Premiere für uns. Letztes Jahr haben wir einen großen Social Media-Abend für unsere ganzen Online-Multiplikatoren durchgeführt. Von Instagramer bis Twitterer und Blogger: wir haben sie alle eingeladen. Dieser Austausch ist uns wichtig. Das wird in Zukunft sicherlich noch weiter ausgebaut werden. Man sieht an den Zugriffszahlen, dass es Erfolg hat, dass man tatsächlich auch ganz neue Leute trifft und Begeisterung für die Kunst im ganz Allgemeinen schafft. Das freut uns natürlich.

Sie haben mehrere Mitarbeiter für die Onlinekommunikation. Ist die Nutzung der vielen digitalen Möglichkeiten denn für kleinere Museen mit entsprechend kleineren Budgets überhaupt zu meistern?

Staedel Museum, Digitales Museum. Foto: Andreas Reeg, Tel: +40-171-5449247, andreas.reeg@t-online.de, www.andreasreeg.de

Das digitale Museum hält Einzug im Frankfurter Städel Museum.

Ich glaube schon, dass jedes Museum zu allererst überlegen muss, was passt eigentlich zu dem eigenen Haus und welche Inhalte will man auf welcher Plattform eigentlich erzählen. Ich denke es ist ganz wichtig, dass man nicht aus einem reinen Impuls heraus entscheidet, auf jeder neuen Plattform präsent zu sein. Wir diskutieren da durchaus sehr lange, bevor wir uns bei einem neuen Netzwerk anmelden. Aber Sie haben es angesprochen, ganz wichtig ist eben auch tatsächlich, welche Ressourcen man vor Ort hat. Das sind weniger die finanziellen Ressourcen. Es ist ja schön zu sehen, dass man schon mit wenigen finanziellen Mitteln sehr viel bewegen kann. Heute kann man mit jedem Smartphone sehr hochauflösende Filme drehen. Ich habe es angesprochen, die Periscope-Liveübertragung ist ohne jegliches Budget zu machen, aber viel wichtiger sind da in meinen Augen die personellen Ressourcen. Wenn man sich in die verschiedenen Social-Media-Kanäle begibt, dann sollte man im Vorfeld auch wissen, dass es sehr viel Betreuungsaufwand und redaktionelle Arbeit bedeutet. Es gibt ja nichts Schlimmeres als einen Kanal, auf dem nichts passiert. Wir versuchen die inhaltlichen Ressourcen im Museum zu nutzen. Bei technischen Aspekten suchen wir uns Kooperationspartner, wenn es um Programmierung, Filmschnitte, Kamera und solche Dinge geht. Aber die Expertise für Inhalte haben wir hier, die hat jedes Museum im Haus: die Kunstvermittler und auch die analoge Expertise. Es ist ganz wichtig, dass man das nicht vergisst.

Wie wird es mit der digitalen Erweiterung weitergehen?

Wir haben noch viele Ideen, aber das nächste Projekt, was nach dem Online-Kurs jetzt live gehen wird ist unsere Zeitreise, ein Forschungsprojekt zur Sammlungsgeschichte des Städel Museums. Damit lassen sich die historischen Standorte des Museums in den Jahren 1816, 1833 und 1878, die jeweiligen Präsentationsformen der Sammlung und damals ausgestellte Werke online betrachten und nachvollziehen. Als besonderes Highlight beinhaltet das Projekt eine Virtual-Reality-Applikation. Dort wird man eintauchen können, in die schon lange nicht mehr existierenden historischen Hängungen des Städel Museums.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Oliver Weidlich
Fotos: Städel Museum
Foto unten: Andreas Reeg

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